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Gehörlosentrauma Theatervorstellung „Sippschaft“ im Ernst-Deutsch-Theater in Hamburg

Seit langem gab es in Hamburg, glaube zuletzt Bluthochzeit, keine einzige Theatervorstellung von Gehörlosen – nahezu unvorstellbar für Hörende in einer Stadt mit weit über hunderte Theaterbühnen! Da sind wir dankbar für jede Darbietung, die uns geboten wird, egal ob Hamburgs bekannteste gehörlose Schauspielern wie Marco Lipski, Susanne Genc oder die Nachbarn.

Die Folge: Wenn bei den Kammerspielen ein Theaterstück, das selbst Hörende als „hochkompliziert“ einstufen, mit Gebärdendolmetscher angeboten wird, dann tauchen am Eingang sogar Leute auf, die ein Reclam höchstens als Tischuntersetzer benutzen würden. Okay, Theater kann man vergessen. Und was ist mit Opern? Gibt’s ne Oper von und für Gehörlose? Jürgen Endress schmettert eine Arie die vom letzten Gehörlosen handelt … ganz lautlos… die Lippen formen ein „aaaaiiiaaaaa“… und die Hände zittern im Takt mit seinen Schnurrbarthaaren…
Na gut, ich hör auf zu meckern
.

Zurück zum Theater. Solange man unterversorgt ist oder nicht selbst Schauspieler wird, muss man halt die Angebote von den Hörenden nutzen. Beim Hamburger Theater namens „Ernst-Deutsch Theater“ wurde das Theaterstück „Sippschaft“ mit Gebärdendolmetscher angekündigt. Das klingt nicht allzu anspruchsvoll, eher was zum Lachen oder Weinen.

Also nichts wie hin. Das „Theaterzelt“ fasst etwa 700 Leute, in der verschiedene Reihe sitzen ungefähr 20-30 Gehörlose. Werden die beiden Dolmetscherinnen, die auf der Bühne nervös rumwanken, alle Pointen in Gebärden rüberbringen können? Der verstorbene gehörlose Moderator und Schauspieler Günter Puttrich-Reignard sagte damals mal in einer „Boulevard Bio“-Sendung: „Wenn der Hörende einen Witz erzählt, checken die Gehörlosen ihn auch mit Dolmetscher nicht – umgekehrt ist’s genauso.“

Die Bühne sieht aus wie ein zu groß geratenen Bauklötzen. Sechs Schauspieler darunter gehörlose aber in Wirklichkeit schwerhörige Schauspieler Eyk Kauly alias „Billy“ nehmen Stellung und erzählen Familiengeschichten. Sie schreien, kreischen, fluchen, jammern und kriegen durcheinandergewirbelte Gefühle. Die Dolmetscherinnen übersetzen, zucken und verschlucken. Und das Wichtigste – sie schaffen’s niemals die Pointe 1:1 rüberzubringen. Vielleicht fünf Gehörlose lachen bei einer Situationskomik zusammen mit den Hörenden. Aber bei Pointen lachen nur die Hörenden. Nichts zu machen. Die Gesten sind von Natur aus zu einfach gestrickt. Comedytheater mit Dolmetscher – das ist wie Michael Mittermeier mit Tonstörung. Nicht zu vergessen, dass der Dolmetscher kein Komiker ist. Man stelle sich vor, ein Wort-zum-Sonntag-Pfarrer erzählt Harald Schmidts Pointen. Ein Horror für die meisten Fans der Schmidt-Show, die absolute Realität für Gehörlose.

Unter den gehörlosen Zuschauern befindet sich eine angehende Dolmetscherin. Gehörlose müssen bei jedem Dialog zum Dolmetscher, sogar auch während der Aufführung über der Bühne die Obertitel angezeigt wurde, hingucken bzw. mitlesen. Sie kriegen etwas wenig mit vom dramatische Szene….  ach, lassen wir’s.

Etwa zwei Stunden sind um. Das Theater um Billys ist zu Ende. Tosender Applaus. Alle Gehörlose applaudieren mit auf ihre Art: Händehochwackeln. Hörende klatschen. Ein gewaltiger kulturelle Unterschied!

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2 Kommentare

Verfasst von - 15. September 2012 in Gehörlosenkultur

 

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Viel Stille um nichts?

In Leipzig wird erstmals ab September 2012 Ausbildung zu professionellen Schauspielern für Schwerhörige und Gehörlose angeboten. Siehe Taubenschlag-Artikel

Doch Ernst-Deutsch-Theater aus Hamburg sucht nämlich gehörloser Schauspieler. Scheitert Theaterstück aus Mangel an gehörlosen Schauspielern? Siehe Taubenschlag-Artikel

Erinnern wir mal damals in Bonn, wo der erfolgreiche Spielfilm „Jenseits der Stille“ als Theaterstück aufgeführt worden ist. Die Rechte dazu hatte das Junge Theater Bonn bereits von Autorin und Regisseurin Caroline Link erworben und zu den Aufführungen werden schon Pläne gemacht wie z. B. die Installation einer Übertitelungsanlage für Hörende und Gehörlose. Perfekt, oder? Mit einer Sache hatte der Intendant aber wohl nicht gerechnet: In Deutschland gab es keine deutsche gehörlosen Schauspieler …

Schon vor 16 Jahren (1996), als „Jenseits der Stille“ verfilmt werden sollte, gab es beim Casting riesengroße Probleme. Zwei Rollen sollten von Gehörlosen besetzt werden, aber Caroline Link fand in Deutschland keinen Einzigen, der gut genug schauspielern konnte. Sie beschloss daher, auf „Ausländer“ zurückzugreifen. Das Ergebnis: Ein Amerikaner (Howie Seago) und eine Französin (Emmanuelle Laborit), beide gehörlos, spielten in dem Film zwei Deutsche.

Das Bonner Theater wollte fast alle Rollen mit gehörlosen Schauspielern besetzen. Ein gewagtes Vorhaben wie der Turmbau zu Babel! Caroline Link offenbarte in einer Zeitung, sie „halte es für schwierig, gehörlose Schauspieler zu finden, die mit der Gebärdensprache schauspielerisch überzeugen könnten.“

Gut, dass die Regisseurin und der Intendant das Stück von „Thow und Show“ (heute angeblich aufgelöst??) oder das „Deutsche Gehörlosen-Theater“ noch nicht gesehen haben.

Moritz Seibert, Intendant des Jungen Theaters Bonn, hatte damals reagiert und geschrieben:

„Ganz so düster, sieht die Sache aber nicht aus. Zunächst mal haben wir nur zwei Rollen zu besetzen, die wenn irgend möglich von gehörlosen Schauspielern gespielt werden sollen: Laras Eltern.

Caroline Link hat darauf ausdrücklich Wert gelegt und hat uns erzählt, dass sie bei ihrem Casting zu dem Film viele sehr gute gehörlose Schauspieler kennen gelernt hat, dass aber die ausländischen Schauspieler, die sie schließlich besetzt hat, ihr noch besser gefallen haben.

Und falls Ihre Skepsis sich als berechtigt herausstellen sollte, gibt es immer noch die Notlösung, diese beiden Rollen mit hörenden Schauspielern zu besetzen, die die Gebärdensprache beherrschen. Sicher ist es ein sehr ambitioniertes Vorhaben, ‚Jenseits der Stille‘ auf die Bühne zu holen, aber es birgt die Chance auf ein ganz außergewöhnliches Theatererlebnis ebenso in sich wie das Risiko des Scheiterns.“

 
 

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