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Interessante Zitat von Prof. Dr. Gottfried Diller – Gehörlosenkultur?

12 Aug

Man hört so viel über Gehörlosenkultur. Kürzlich entdeckte ich auf Karin Kestners Homepage interessane Zitat von Prof. Diller:

„Kultur ist ein ständig sich vollziehender Prozeß, meint Gottfried Diller. Gehörlosigkeit ist darum an sich keine Kultur. Ein Kind wird ohne Kultur geboren. Kultur muß sich jeder Mensch erst im Laufe seines Lebens wieder und wieder aneignen. Grundlage der Kultur ist zum Einen das, was ich von meinen Anlagen her mitbringe und zum Anderen das, was mir meine Umwelt anbietet. Die gegenwärtige Diskussion ist festgelegt. Kultur hingegen ist offen. Gottfried Diller fordert dagegen ein „offen bleiben“ für die Kultur der Zukunft. Die Kultur ist genauso Wandlungen und Anderen unterworfen, wie auch die Sprache selbst.“

Quelle: http://www.kestner.de/n/verschiedenes/presse/1999/rilenbor.htm

Interessant: Wie ist der Begriff „Gehörlosenkultur“ genau definiert bzw. wie sehen Gehörlose ihre Behinderung als Kultur? Ich weiß aus eigener Erfahrung, daß „echte“ – man verzeihe mir dieses Wort – Gehörlosen sich gern als nichtbehindert fühlen. Die einzige Behinderung liegt in der lautsprachlichen Kommunikation. Die Gebärdensprache gleicht dieses Manko wieder aus.

Doch, warum Gehörlosenkultur? Eigene Sitten, eigene Gebräuche? Ist „Gehörlosenkultur“ ein so weit dehnbarer Begriff, daß man selbst Behinderung als Kultur ansieht?…“

Gerade habe ich mir mal die Beschreibung von Visuelles Denken über Gehörlosenkultur oder Deutscher Gehörlosen-Bund gelesen. Wahrscheinlich hattet Ihr auch Probleme die „Gehörlosenkultur“ richtig einzuschätzen, es klingt doch irgendwie so elitär, fast wie nach einer eigenen Menschenrasse? Wenn es um Inklusion dreht, gibt´s dann keine Gehörlosenkultur mehr?

Gehörlosenkultur – in Amerika ja, aber bei uns in Deutschland? Nicht mal die sogenannte Deutsche Gebärdensprache ist einheitlich! Okay, als Ausrede lasse ich „Dialekt“ durchgehen. Vereine, die Geld scheffeln und irgendwas investieren; Saufparties; Lehrer, die angeblich keine DGS beherrschen; teilweise Gebärdensprachverbot an den Schulen; Mangel an Selbstbewusstsein – ist das Gehörlosenkultur? Eher Sitte. Radikales Umdenken ist hier sehr besonders gefragt.

 
11 Kommentare

Verfasst von - 12. August 2012 in Gehörlosenkultur

 

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11 Antworten zu “Interessante Zitat von Prof. Dr. Gottfried Diller – Gehörlosenkultur?

  1. Kia

    14. August 2012 at 20:05

    Kannst du hier einen neuen Artikel über Dr. Gottfried Diller schreiben? =)

     
  2. Hartmut

    16. August 2012 at 08:14

    Ich kenne den Artikel. Dein Zitat ist an sich richtig, aber aus dem Kontext gerissen. Stimmt lediglich dass die Kultur ist immer unbestaendig und aendert sich fortlaufend sei.

    Aber er verfasste den Artikel als Kritik zum tauben Selbstbewusstsein. Er moechte nichts davon wissen und plaediert, dass wir in der hoerenden Landeskultur vollkomen assimiliert werden sollen und keine taube Kultur mit Gebaerdensprache als Hauptmedium der Kommunikaton pflegen. Insgeheim moechte er als Oralist sagen, „Halt, Stop mit dem Gerede von eigenstaendiger Kultur! Ihr moechtet euch bloss mit dem Selbstbewusstsein segregieren. Ihr verweigert Integration in die hoerende Gesellschaft. Die tauben Mitbuerger der Gesellschaft muessen sich der Landeskultur anpassen und sich nicht inflexibel an der taben Kultur haengen.“

    Was Dr Diller nicht sieht, ist dass wir taube Menschen immer bikulturell sind. Problem in der Gechichte mit der Erziehung tauber Kinder ist schier Unterdrueckung von Gebaerdensprache und deren verbundener Kultur. Er moechte nur auf Deutsch basierende monolinguale Erziehung weiterhalten.

    Problem in der Erziehung tauber Kinder in der Geschichte liegt erstens in der Inakzeptanz von Bilingualismus und Bikulturalismus mit Gebaerdensprache als Erstsprache. Das Problem wie Deutsch tauben und schwerhoerigen Kindern vollkommen beigebracht wird hat die monolinguale Paedagogik unter Diller und anderen Vorgaengern nicht loesen koennen.

     
  3. Kia

    18. August 2012 at 16:26

    Ich bin aber überrascht, dass er ein CODA ist und einen gl Bruder hat.
    Im Moment ist er halb taub. *hmm*

     
  4. Enno

    8. September 2012 at 01:37

    Als nun wieder hörender Späterertaubter kenne ich die Gehörlosenkultur nur von außen. Natürlich ist die DGS ein „Hack“, um irgendwie ohne Gehör zu kommunizieren. Sie ist eine vollwertige Sprache mit verschiedenen Dialekten, womit eines der wesentlichen Merkmale einer eigenständigen Kultur erfüllt ist. Kultur kann u.a. als Anpassungsleistung des Menschen an seine Umwelt aufgefasst werden. Wenn Menschen ein Sinn fehlt, erfolgt diese Anpassung selbstverständlich anders. Dass sich diese Sprache nur entwickelt hat, weil keine lautsprachliche Kommunikation möglich ist, ändert nichts daran, dass es sich um eine eigene Sprache handelt. Es ist sogar vollkommen irrelevant, ob jemand, der sich in DGS verständigt, selber gehörlos ist oder hörend. Die DGS oder die Gehörlosenkultur abwerten zu wollen erinnert mich stark an Rassisten der Kolonialzeit, die ebenfalls die Sprachen und Kulturen in den Kolonien als minderwertig auffassten.

     
    • hewritesilent

      11. September 2012 at 17:48

      Die DGS oder die Gehörlosenkultur abwerten zu wollen erinnert mich stark an Rassisten der Kolonialzeit, die ebenfalls die Sprachen und Kulturen in den Kolonien als minderwertig auffassten.

      Ich sehe anders. Weisst du was, wenn du bei internationalen Veranstaltungen bist, wie Weltkongress oder Deaflympics, ist es so, als bist du inmitten der Familie. Egal von wo man kommt, dank der internationalen Gebärden und dem internationalen Fingeralphabeth kann man sich verstehen. Aber wenn die Gehörlosen, z.B. die zur Zeit politisch viel diskutierte Thema der Inklusion von Menschen mit Behinderung, an Paralympics bzw. Olympia statt Deaflympics lieber teilnehmen möchten, ist das in meinem Augen kein Gehörlosenkultur mehr. Wenn ich mir so überlege und dabei was widersprüchliches entdecke, gibt es auch Indianer-Kultur, Aboriginies-Kultur, Eskimo-Kultur und anderes mehr. Viele von diesen Stämmen und Völkern haben eine eigene Sprache, aber keine Schriftsprache, sondern nur gesprochene. Ist das bei Gehörlosen auch so? Sie haben doch auch keine „Gebärdenschriftsprache“.

       
  5. Kia

    15. September 2012 at 13:40

    @Enno, ich bin mir nicht sicher, dass ich dich richtig verstanden habe. Trotzdem möchte ich hier schreiben. „Natürlich ist die DGS ein “Hack”, um irgendwie ohne Gehör zu kommunizieren“, schriebst du. nein, es ist wirklich nicht ein Hauptgrund und Lautsprache ist eigentlich ein „Hack“, weil es vor Entstehung der Lautsprache bereits Gebärdensprache gab.

    @hewritesilent,
    “ gibt es auch Indianer-Kultur, Aboriginies-Kultur, Eskimo-Kultur und anderes mehr. Viele von diesen Stämmen und Völkern haben eine eigene Sprache, aber keine Schriftsprache, sondern nur gesprochene. Ist das bei Gehörlosen auch so? Sie haben doch auch keine “Gebärdenschriftsprache”, du MEINST WIRKLICH, dass viele gar keine Schriftsprache hatten? *lächerlich* moment, ich konnte dich missverstehen. zum Beispiel: Die Indianer selbst haben sich Cherokee-Sprache, die eigene Schriftsprache hat, gegeben. Ansonsten hast du ja recht, dass ein gutes Beispiel Aborigines ist, weil sie über Schriftsprache nicht verfügen, da sie nie in einer Stadt leben.

    Seit ca. 13. Jh entsteht Schriftkultur aus Volkssprache durch den städtischen Kultur.
    wusstest du schon, seit wann es hochdeutsche Schriftsprache gibt.

    P.S.: Jede Kultur ist ANDERS, aber niemals falsch! Es ist wirklich sehr hässlich, sich mit anderen zu vergleichen.

     
    • hewritesilent

      15. September 2012 at 17:06

      @Kia: Du missverstehst leider. Natürlich war Cherokee eigene Schriftsprache die vom Indianerstamm entwickelt wurde. Aber lies mein Beitrag vorhin genau, dann verstehst du besser was genau ich meine.

       
  6. Hartmut

    28. September 2012 at 22:19

    @hewritesilent,
    dein Kommentar anhand des von dir benutzten Zitat von enno kommt an seinem Punkt vollkommen vorbei. Er spricht von Unterdruckung der Gebaerdensprache durch Oralismus und Taubseinskultur durch Homogenisierungsbestrebungen durchs Vorenthalten der tauben Welt dem jeden tauben Kind. Dies ist was enno mit Kolonialismus vergleicht. Sprachliche und kulturelle Unterdrueckung wurden tatsaechlich an den Eingeborenen von den Einwanderern aus Europa betrieben. Namhafte Autoren schreiben reichlich darueber. Du schreibst dagegen von tauben internationalen Veranstaltungen und internationalen Gebaerden. Was haben sie mit ennos Punkt gemeinsam? Deine Erwaehnung von Schriftsprache ist auch daneben. Darauf ist Kia leider gefallen.

    @ennos,
    ich wuerde Kultur nicht als Anpassung an die physikalische Umwelt vor Ort definieren. Denn es gibt so vieles in der Kultur, die unabhaengig und nicht aufgrund der Anpassung entstanden sind. Lautsprache kann sicherlich nicht als Anpassung charakterisiert werden. Gebaerdensprache auch nicht. Andere visulle Moeglichkeiten koennen von tauben Menschen geschaffen werden. Taube Menschen konnten eine viselle, stimmlose, orale Sprache unabhaengig von der Lautsprache entwickeln. Aber dies hat nicht geschehen. Die beiden sind nicht kulturell bedingt. Erstens, die beiden haben gewisse universelle Eigenschaften, und mussten folglich als natuerlich mensch-eigen deklariert werden. Zweitens, hoerende koennen ebensogut eine visuelle Sprache entwickeln, was tatsaechlich geschah. Drittens, die sprachlichen Unterschiede koennen nicht wegen Anpassung an die oertlichen Umwelt sein. Aber dein Punkt ueber Unterdrueckung ist richtig und entspricht den gegenwaertigen Stand in der Sozial- und Kulturwissenschaft.

    @alle,
    Was Diller im Artikel meint, ist, dass wir uns in unserem Taubsein aendern sollten, indem wir uns der Lebensweise der Hoerenden befleissigen. Das ist genau, was sprachlicher und kultureller Kolonialismus ist.

     
    • hewritesilent

      2. Oktober 2012 at 12:28

      Du schreibst dagegen von tauben internationalen Veranstaltungen und internationalen Gebaerden. Was haben sie mit ennos Punkt gemeinsam?

      Man vergleicht GL-Kultur mit Naturvölker-Kultur (Indianer etc.)… Dasselbe Niveau oder wie?

       
  7. rain

    13. Februar 2014 at 01:41

    “Kulturkontakt durch Expansion nach Urs Bitterli[Bearbeiten]
    Hier unterscheidet der Schweizer Historiker Urs Bitterli am Beispiel der europäischen Expansion der Frühen Neuzeit Kulturberührung, Kulturzusammenstoß und Kulturbeziehung.[5]
    Unter Kulturberührung versteht er die meist oberflächlichen (Erst-) Kontakte zwischen den Kolonisatoren und der indigenen Bevölkerung. Sie verliefen oft friedlich, etwa mit dem Austausch von Geschenken oder kleineren Handelsgeschäften und hatten auf die kulturelle Identität beider Seiten zunächst wenig Einfluss. Die Europäer brachten nämlich feste Vorstellung mit sowohl von sich selbst als kulturell überlegen als auch von den Menschen, die sie antrafen: Diese wurden entweder als „edle Wilde“ idealisiert oder aber als „Kannibalen“ verteufelt.
    Als Kulturzusammenstoß bezeichnet Bitterli die gewalttätige Unterdrückung der indigenen Kulturen, die überall dort auftrat, wo die Europäer auf technisch nicht gleich starke Zivilisationen trafen. Die Kulturberührung schlug regelmäßig dann in Gewalt um, wenn die Vertreter der indigenen Kultur sich durch die Missionsversuche und das Erwerbsstreben der Europäer in ihrer Lebensweise und ihrem Besitzstand bedroht fühlten. Auch kulturelle Missverständnisse trugen dazu bei, dass das anfängliche Vertrauen und der Respekt gegenüber den Europäern rasch verloren ging.
    Kulturbeziehungen, also ein wechselseitiges Verhältnis des Gebens und Nehmens, waren nach Bitterli nur dann möglich, wenn die Europäer auf gleich starke Kulturen trafen. In einer solchen machtpolitischen Pattsituation, wie sie lange Zeit gegenüber dem islamischen Kulturkreis, gegenüber Indien und China herrschte, bestanden die Beziehungen zwischen beiden Seiten in einem beide bereichernden Austausch und zeigten sich im Handel, aber auch in kultureller Beeinflussung in beide Richtungen, wie etwa in der jesuitischen Mission in China, der in Europa eine starke Bewunderung für chinesische Kunst und chinesisches Handwerk gegenüberstand. Hier kann man wenigstens im Ansatz von einer gegenseitigen Akkulturation sprechen, das heißt einer wechselseitigen kulturellen Befruchtung, Bereicherung und Durchdringung.”
    quelle: wikipedia. “kulturelle identität”
    nein, nicht dasselbe niveau (naturvölker). es ist nur der arroganz der mehrheitsgesellschaft, dass sie sich in ihrer kultur überlegen fühlen. und genau das betreibt diller. und wie in diesem wikipedia artikel schon beschrieben ist: “Kulturbeziehungen, also ein wechselseitiges Verhältnis des Gebens und Nehmens, waren nach Bitterli nur dann möglich, wenn die Europäer auf gleich starke Kulturen trafen.”, will ich damit sagen, dass die taube kultur nicht der dem hörenden kultur in gleicher höhe gesehen wird, da durch die behinderung automatisch eine diskriminierung vorliegt (audismus). und der zwang zum oralismus und CI einsatz ist eine art von kultureller zusammenstoss, daher setzen taube in diesem bereich immer mehr auf widerstand. sehr viele punkte in diesem artikel zeigt paralellen zum gebärdensprachgemeinschaft, somit ist es klar, dass in verschiedenen zügen eine kultur vorliegt und nicht nur auf das beschränkt ist, wie du (hewritesilent) es als sitten bezeichnest.

     

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