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Corpus deliciti www.dgs-korpus.de

02 Aug

Hierzulande müssen die Universitäten für wenig Geld viel Arbeit leisten. Außer sie beschäftigen sich mit der Gebärdensprache. Dann gibt’s für minimale Arbeit jede Menge Schotter. Die gerade 25 Jahre alt gewordene Gebärdenforschungseinrichtung (IDGS) an der Universität Hamburg ist in diesem Bereich der absolute Spezialist: Für eine neue Langzeitstudie wurde am 27.10.2008 auf der Gemeinsamen Wissenschaftskonferenz von Bund und Ländern (GWK) eine Millionensumme bewilligt. Und die Studie dauert (wieder mal) eine Ewigkeit: nämlich über 15 Jahre. So viel Zeit ist angeblich vonnöten, um ein elektronisches (Video-)Wörterbuch zusammenzustellen. Der Umfang: Gerade einmal weit über tausende Gebärden. Das macht üppige 1416 Euro für jede einzelne Hand- oder Armbewegung, um wie groß die Unterschiede zwischen Bayern und Schleswig-Holstein, zwischen Jung und Alt, zwischen hoch begabte und wenig begabte oder zwischen schwerhörige und gehörlose Gebärdensprachler zu forschen… Und welche schaffen es schließlich ins Wörterbuch?

Für viele tausende Gesten brauchte ein kleines aber fleißiges Team vielleicht eine Woche. Aber die Gebärdenforscher an der Uni Hamburg wären keine echten Gebärdenforscher, wenn sie für die Gebärden-„Langzeitstudie“ nicht weniger als eineinhalb Jahrzehnte, achteinhalb Millionen und 250 bis 300 Mitarbeiter (!) benötigen würden.

Wo die bewilligten Millionen herkommen? Aus einem Akademienprogramm. Das „Programm“ wiederum kriegt die Mittel vom Hamburger Senat. Erstaunlich, dass das Geld so locker in den Behördentaschen liegt, obwohl alle Welt von der Wirtschafts- und Finanzkrise spricht. Hamburgs Wissenschaftssenatorin Herlind Gundelach scheint jedenfalls überzeugt zu sein: „Das bundesweit einzigartige Projekt werde dazu beitragen, die Kommunikation zwischen Hörenden und Gehörlosen zu verbessern“, sagte sie gegenüber der Presse Berliner Morgenpost.

Wie stellt sich die Senatorin so eine Kommunikation vor? Mit Hilfe von tragbaren Computern und zigtausende Einzelwörtern, aus denen man Sätze bilden muss? Tatsache ist: Es gibt heute schon zahlreiche CDs und DVDs, die Wortsammlungen in Form von Gebärden-Videos enthalten. Auch die Gebärdenforscher der Uni Hamburg bieten auf ihrer Webseite seit längerer Zeit jede Menge Clips an, auf denen gehörlose Mitarbeiter diverse Fachtermini in Gebärdensprache übersetzen. Darüber hinaus wurden so genannte „blaue Bücher“ herausgebracht, die tausende Gebärden-Fotoskizzen enthalten. Ist die ganze Sammlung jetzt etwa ungültig geworden? Die IDGS sagt jedenfalls: „Alles was wir tun und veröffentlichen, stützt sich auf echte Sprachverwendung von echten Gehörlosen.“ Wahrscheinlich waren das alles „unechte Gehörlose“, mit denen man früher zusammengearbeitet hat und deshalb muss jetzt ein neues Lexikon her…

Wird das neue Projekt ein zweiter (oder wievielter auch immer) „Guido“? Damals wurde eine Langzeitstudie rund um Gebärdenerkennung in aller Stille begraben. Für „Guido“ hat die IDGS zwei Jahrzehnte Forschungszeit investiert. Wie viele Millionen es exakt waren, wissen wir (noch) nicht. Auf jeden Fall ist jetzt das „korpusbasierte Wörterbuch“ dran. Ob das „Corpus delicti“ in 15 Jahren wegen der Aufzeichnung mit 3D-Kameras im mobiles Studios tatsächlich fertig ist und dann auch gebraucht, benutzt und eingesetzt wird, ist eine Frage, mit der sich die Forscher beschäftigen könnten …

 

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6 Antworten zu “Corpus deliciti www.dgs-korpus.de

  1. Ronald Ilenborg

    2. August 2012 at 20:22

    So ein Wörterbuch auf CD oder DVD, wo man schnell mal eine Gebärde nachschauen kann, das kann man sicher schnell fertig machen (gibt es ja auch schon). Aber das hier ist ein Forschungsprojekt – da sollen die Gebärden nicht nur abgefilmt werden, sondern da steckt auch viel Forschungsarbeit hinter.
    Vielleicht kann man das mit dem Deutschen Wörterbuch vergleichen, dass die Brüder Grimm angefangen haben (die auch die Märchen gesammelt haben). Das war erst nach 123 Jahren fertig.

     
  2. Ralph Raule

    2. August 2012 at 21:22

    Wenn man keine Ahnung von Wissenschaft hat, das soll man es lieber lassen, darüber zu schreiben. Bislang gab es noch keine fundierte Untersuchung der Deutschen Gebärdensprache in den verschiedenen Sprachräumen und deren Auswertung.

    Darum geht es hier, es ist Grundlagen-Forschung. Und wenn die nicht erlaubt ist, dann landen wir wieder im finsteren Mittelalter, wo die Kirche ihre Absolution erteilt hat. Wenn Du dahin willst, ist es Dein Bier. Ich möchte die Zeit nicht zurück drehen, sondern nach vorne schreiten. Und da gehören solche Projekte dazu.

    Mit Leuten wie mit Dir säßen wir noch heute auf den Bäumen …. Nicht durch Reden kommt man weiter, sondern durch Handeln. Was tust Du? Was trägst Du bei zum Fortschritt unserer Gesellschaft?

     
    • hewritesilent

      2. August 2012 at 22:41

      @Ralph Raule:

      „Mit Leuten wie mit Dir säßen wir noch heute auf den Bäumen“

      Wow, ich fühle mich irgendwie angesprochen, als wäre ich Mitglied der Grünen. So muss ich doch wohl auch noch mal über diverse Blogthemen nachdenken, denn wenn diese Grünen dagegen sind, oder?😉

      Grundlagen-Forschung? Okay!

      Kennst du Sprachen- und Dolmetscher-Institut? Da werden auch Dolmetscher und Übersetzer ausgebildet und zwar in vielen Sprachen. Allerdings fängt man mit einer Berufsfachschule, dann kommt die Akademie.

      Also, Dolmetscher, die nur an der Berufsfachschule ausgebildet wurden, sind gut und billig. Akademie-Absolventen sind sehr gut und teuer.

      Dann gibt’s da noch Simultan-Dolmetscher, und die sind echt Spitze. Komischerweise bekommen sie aber fast genauso viel fürs simultane Dolmetschen eines verdammt schwierigen Vortrages.

      Gleiches geht´s auch Gebärdensprachdolmetscher ähnlich, nur eben anders: Die Gebärdensprachdolmetscher scheinen verwöhnte und weltfremde Wesen zu sein, die gar nicht wissen, was andere Dolmetscher (für Englisch, Arabisch, Japanisch, Russisch, Französisch. usw.) leisten müssen! Siehe Interview.

      Ich habe damals ein Video im Facebook gesehen, wo ein schwerhöriger Partyveranstalter von Maydeaf über Gebärdensprachdolmetscher wegen die Kosten und Ungerechtigkeit geklagt hatte (bengie hat dies auch gesehen, falls du nicht gesehen hast, frag du bitte bengie nach). Ich „übersetze“ das mal zusammengefasst aus dem Facebook-Video, was er inhaltlich meinte: Ein „normaler“ Dolmetscher ist oft stundenlang im Einsatz – ohne einen Ersatzmann/frau. Und überlebt dies unbeschadet, wenn auch müde… Ein Gebärdensprachdolmetscher, aber braucht Pausen und natürlich einen Ersatz, der für ihn alle 10-15 min. oder jede halbe Stunde einspringt. Warum? Werden die Hände „zu müde“? Mitnichten… Eine Frisöse muss ja auch ihre Hände stundelang in der Luft balancieren…

      Genau allgemein betrachtet müsste man meinen, ob man die Gebärdensprache in Sachen Sprach- und Gesetztheorie in Frage stellen sollte.

       
      • Hartmut

        16. August 2012 at 09:09

        Du hast noch keine Ahnung ueber die Grundlagenforschung von Gebaerdensprache. Es muss ein Korpus, wie moeglich riesengross, erstellt werden, um vieles ueber die Sprache wissenschaftlich zu sagen. Du bist noch unwissentlich auf den Baeumen, um zu wissen was sich auf dem Boden vorgeht.

        Der taube Dr. Christian Vogler, der aus Hamburg stammt und in den USA den Doktortitel baute, sagte mir, dass eine computer-basierende automatische Spracherkennung von Gebaerdensprache umoeglich mit geringem Korpus vorgehen kann.

        Ich stimme mit Raule ueberein. Dein Kommentar ueber „corpus delicti“ ist daneben!

        Ein Dolmetscher zwischen zwei Lautsprachen kann auch nicht dauernd dolmetschen. Sie wechseln auch ab. In Konferenzen haben sie schriftliche Vorlagen zur Hilfe ihrer Arbeit. Diese UN-Dolmetscher, die dauernd Debatten im Plenum dolmetschen ist Mythos. Sie aben reiclich Unerstuetzung eines Teams. Ich hoerte eine Anekdote, ein UN-Dolmetscher schimpfte dem deutschen Aussenminister, er sollte keine langwindigen Saetze sprechen und gleich das Verbum einbringen (im Deutschen ist das Verbum am Ende in Nebensaetzen und in Hauptsaetzen mit Hilfsverben, was Probleme mit dazwischen eintretenden Nebensaetzen verursachen) Der Dolmetscher kann nicht lange auf das Verbum warten! „Das Verbum muesse doch gleich an zweiter Stelle in jedem Satz sein!“ fuehlte er.

        Meine Frau und ich haben bei verschiedenen internationalen Konferenzen mit den dort taetigen Dolmetschern geplaudert. Sie haben ihre Schwierigkeiten und bewundern die „problemlosen“ Faehigkeiten der GS-Dolmetscher, die haerter als sie zu arbeiten scheinen. MayDeaf ist leider auch zu naiv in seinem Video.

        Man muss ueber den Tellerrand besser gucken und nicht vorschnell urteilen, was „draussen“ ist.

         
  3. Kia

    3. August 2012 at 18:20

    @hewritesilent, du meinst vielleicht diese PPerson:
    -> https://www.youtube.com/watch?v=3H4hyabvxvk
    -> (Teil 2) https://www.youtube.com/watch?v=QYkMUfsaJrs

     

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