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Die Untertitel-Fabrik

10 Apr

Eine Sendung oder einen Film mehrmals hintereinander ansehen, was nicht sehr spannend klingt, ist für manche Leute ein normaler Job. Wie für die mehrere MitarbeiterInnen, die beim Bayerischen Fernsehen beschäftigt sind. Immerhin dürfen Untertitlern die Arbeit mit nach Hause nehmen. Die anderen müssen täglich beim BR vorbeikommen. Nach WDR haben wir uns einen Einblick über ihre Arbeit verschafft.

Ähnlich wie bei WDR muss auch ein Untertitler einen Film mehrmals ansehen. Es wird Schwerstarbeit abverlangt: das Film wird ständig vor- und zurückgespült. Daher werden oft vom Film eine oder mehrere Kopien angefertigt. Die Dialoge müssen wieder und wieder abgehört werden, damit die Untertitel an der richtigen Stelle eingeblendet werden können. Moderne Anlagen erleichtern die Arbeit zwar erheblich, doch Untertitler müssen nach wie vor viel Aufmerksamkeit und Geduld mitbringen.

Für eine Dokumentation, die 45 Minuten lang ist, braucht eine Untertitlerin mehrere Stunden sogar auch bis zu 2 Tage. In den beiden Tagen muss sie stundenlang vor dem Monitor sitzen und die Untertitel schreiben. Anschließend wird bei der Endkontrolle nach Tippfehler gesucht und auf richtige Grammatik geprüft. Manchmal reicht für eine 30-Minuten-Sendung nur ein Arbeitstag. Einfacher wird es, wenn eine Textvorlage vorhanden ist, von der man abschreiben kann. Aber nur ein bisschen einfacher, da die Dialoge aus der Textvorlage auch bearbeitet werden müssen. Richtig anstrengend wird es, wenn die Sendung untertitelt werden soll. Dann braucht man mindestens 2 Tage, da keine Textvorlage vorhanden ist und fachchinesische Fachbegriffe richtig verstanden werden wollen.

Insgesamt werden nur 1/3 der Untertitel neu produziert, der Rest stammt aus Wiederholungen oder wird von anderen Sendern übernommen. Die Planung steht – es kommt sehr selten vor, dass eine Sendung spontan untertitelt wird. Manchmal treffen Filmwünsche beim TV-Anstalten ein, obwohl der Sender gar nicht dafür zuständig ist. So haben sich tatsächlich gehörlose Leute per Twitter, siehe https://twitter.com/Clatschia/statuses/188563311669944321 gemeldet und wünschten sich, dass „Die Rosenheim-Cops“ in ZDF untertitelt werden soll…

Eigentlich könnten sich die Redakteure die vielen Stunden sparen und eine Sendung live untertiteln. Wie es beispielsweise in Großbritannien üblich ist. Doch Spontan-Untertitelung ist wegen der Struktur der deutschen Sprache nicht möglich (siehe ältere Bericht). Die Sätze können wegen der Beschränkung auf zwei Zeilen sinnverdreht erscheinen. Jemand sah sich in England eine Sendung an, die nach dem Stenoprinzip untertitelt wurde. Die Untertitel „scrollen“ über den Bildschirm. Manchmal fügen die Schnellschreiber noch eilig die Wörter ein, die sie beim Tippen überhört haben. Dies führt dazu, dass der Text sich verändert oder verschiebt, was den Zuschauer eher verwirrt. Wie die Engländer wohl in der PISA-Studie abgeschnitten sind…?

Warum die einkommensstarke Behinderten ab 2013 ein Drittel Rundfunkgebühren (GEZ) zahlen müssen? Es gibt in Deutschland keine Sponsoren oder zusätzliche Geldgeber für. Grosszügig: in der Schweiz werden die Untertitel vom Sozialministerium bezahlt, in den USA von Konzernen wie AT&T oder General Motors gesponsert. In Amerika läuft übrigens wieder mal ein heftiger Protest. „Ein paar Reklamesendungen während des Super Bowls (siehe zum Beispiel Finalspiel American Football) werden nicht untertitelt!“ (Orginal-Kommentar aus dem amerikanischen Forum: „I don’t f***ing understand why all Super Bowl ads DO NOT have subtitles available… This is absurd and a disrespect to the deaf community.“) Die haben Probleme…..

 
3 Kommentare

Verfasst von - 10. April 2012 in Untertitel

 

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3 Antworten zu “Die Untertitel-Fabrik

  1. derjan

    12. April 2012 at 08:45

    Interessant, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass der BR immer noch so anachronistisch arbeitet.
    Zunächst mal möchte ich bezweifeln, dass man für die Untertitelung einer 45-Minuten-Doku bis zu 2 Tage braucht. In „modernen“ Redaktionen rechnet man eher mit 10 Sendeminuten/Stunde. Heißt also, dass die 45-Minuten-Doku nach 4,5 Stunden fertig ist. Dann wird in einem weiteren Schritt der Inhalt gecheckt und das Spotting vorgenommen, das dauert im besten Fall noch mal 1 Stunde. Nach etwa 6 Stunden ist die Doku damit „sendefertig“.
    Und was das hin- und herspulen und die vielen Kopien von Filmen angeht, so lass Dir gesagt sein, dass heutzutage alles per DVD bzw Videoclip läuft.
    Wenn man eine Textvorlage hat, dann schreibt man diese nicht ab, sondern kopiert sie von MS Word oder woher auch immer in das UT-Programm. Dann hat man die 45-Minuten-Doku auch schon mal in 2 oder 3 Stunden fertig.

    Dann schreibst Du, dass nur 1/3 der UTs neu produziert werden. Das mag für den BR vielleicht zutreffen, aber bei anderen Sendern (NDR, WDR) sieht die Quote ganz anders aus. Hier werden weit mehr als 70% aller UTs neu produziert (Wiederholungen am nächsten Morgen nicht mitgerechnet).

    Und zum Thema Live-UT vs. vorbereiteter UT kann ich nur sagen: Das ist völliger Humbug. „Live“ ist immer schlechter als Vorbereitet. Live hat eine immense Verzögerung. Live ist ungeeignet für Filme und Serien. Live beinhaltet Fehler.
    Und Live-UTs sind in Großbritannien auch nicht üblich. Auch dort wird alles, was geht, vorbereitet. Dass bei der BBC teilweise immer noch Scrolling eingesetzt wird, ist leider der verwendeten Software geschuldet. Man will das System aber bald wechseln.

    Warum ich das alles weiß? Weil ich selber Untertitler & Respeaker bin. Meine Zahlen sind also aktuell.😉

     
    • hewritesilent

      14. April 2012 at 12:39

      Lieber Untertitler, danke für Ihre Kommentar!🙂 Fakt ist, BR hat geringe UT-Produktion als West (WDR)- und Norddeutschland (NDR). Wenn ich mir Süddeutschland genauer feststelle, ist die Quote für UT-Produktion von BR (Bayern) und SWR (Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz) geringer.

       
  2. derjan

    14. April 2012 at 23:26

    Klar ist die Quote geringer, aber das wird ja wohl nicht daran liegen, dass die langsamer bzw anachronistischer arbeiten, oder?
    Das oben beschriebene Verfahren ist einfach nicht mehrzeitgemäß und wird so bestimmt auch nicht mehr beim BR eingesetzt.

     

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