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Archiv für den Monat Dezember 2011

Integration/Inklusion von schwerhörigen und gehörlosen Schülern in eine hörende Klasse.

Wie einige von Euch Vibelle TV über inklusiven Beschulung gesehen haben. Diesen Modellversuch gibt es in Deutschland schon lange und müsste irgendwo erstmals im Zeitraum von 1985 und später ab 1990 richtig (unter schwarz-gelbe Regierung) begonnen sein. Zuerst die schwerhörigen Kinder, dann die gehörlosen Kindern im Zeitraum von 2000 (unter rot-grüne Regierung).

Interessanterweise hat Ronny Bohms kürzlich ein Artikel im Taubenschlag.de veröffentlicht.

Zwar ist der Lehrstoff umfangreicher als in normalen gehörlosen Schulen, ein einzelnes gehörlose Kind wird aber im Laufe der Zeit die Lernstoffe immer mehr isoliert behandelt, wie von vielen häufig befürchtet.

Mag sein, daß es in einzelnen Fällen mit der Zusammenarbeit und Zusammensein zwischen Behinderten und Nichtbehinderten klappt, doch die Mehrheit jedoch wird in eine Isolation gedrängt. Diese Isolation hebt sich wieder auf, sobald das Kind zu seinesgleichen kommt. Dort fühlt es sich wohl, dort kann es sich entfalten.
Wie kam es eigentlich zu Integrations/-Inklusionsklassen? Schuld daran sind die hörende Eltern. Die wollen ein Kind, das ihnen gleicht, ihre Sprache spricht und somit „weniger Mühe“ macht. Sogar auch die schwerhörige oder gehörlose Eltern für die bessere Bildungsbedingungen ihrer schwerhörigen oder gehörlosen Kinder zu ermöglichen.

Außerdem meinen hörende Eltern, daß in den schwerhörigen und gehörlosen Schulen zu wenig vermittelt wird und ihr Kind nach der Pflichtschule den Bildungsstand eines Dritt- oder Viertklässlers habe. Und die hörgeschädigte Eltern behaupten aufgrund Ihrer negative Erfahrung an frühere Schulleben, die meisten Lehrern können nicht gebärden oder verwenden angeblich nur LBG/LUG.

Es gab in Österreich Fälle, zum Beispiel dort wurden im Hörgeschädigteninstitut mangels Neuzugang – dem ja von den Eltern die Integrationsklasse auferzwungen wurde – Gehörlosen mit Blinden zusammengelegt. Natürlich getrennt, aber dafür kostensparend. Wirtschaftlichkeit steht immer im Vordergrund, auch auf Kosten der Bildung des einzelnen Individuums. Würden die Integrationsklassen nicht sein, gäbs keinen Mangel an neuen Schülern.

Warum zum Teufel, forciert man nicht den Unterrichtsstoff so wie in normalen Schulen?
Was hindert die Lehrer daran, schwerhörigen und gehörlosen dasselbe Bildungsniveau zu geben, wie den Hörende? Gehörlosen sind doch nicht „behindert“, zu begreifen. Zwar gehts beim Unterricht etwas langsamer, aber der Lohn für alle Mühe wiegt dies bei weitem auf. Komischerweise woher vor allem die jüngere Generation gute Schriftsprachkompetenz kamen, das haben einige vor allem Internet viel zu verdanken. Eigentlich müsste das Internet für gehörlose Menschen ein gutes Kommunikations- und Lernmedium sein. Aber warum klappte die Schule für Hörgeschädigte nicht?

Ist es die Bequemlichkeit der Lehrer? Ist es das Gesetz? Letzteres trifft hier vor allem zu. Es gibt zwar bequeme Lehrer, aber viele geben sich wirklich Mühe und wenn sie könnten wie sie wollten, würde ihnen sicher ein schöner Erfolg beschieden sein.

Welcher Chirurg hat es schon gern, wenn ihm eine Operation mißlingt? Zur Frust und persönlichen Enttäuschung kommt bei ihm noch eine Strafe, wenn er deswegen gerichtlich belangt wird. Auch seine künftige Motivation leidet darunter.

Ist das auch bei GL-Lehrern der Fall? Bei denen herrscht höchstens Lethargie, wenn sie im Laufe der Zeit sehen, wie sich ein gehörlose Kind bildungsmäßig entwickelt. Eine Strafe haben sie allerdings nicht zu befürchten. Das schlimmste ist, daß sie keine eigenen Unterrichtsmethoden anwenden dürfen.
Laut Gesetz dürfen Schwerhörigen und Gehörlosen nur nach Förderschulplan für alle Behinderten unterrichtet werden. Und wie sieht so ein Förderschulplan für Schwerhörige und Gehörlose aus?

Er wird von einigen wenigen zurechtgeschneidert und bestimmt. Leider auch von solchen, die überhaupt keine Erfahrung oder Umgang von hörbehinderten Schüler haben und sie mit anderen Behinderten (etwa Mongoloiden) in einen Topf werfen.

Die Gretchenfrage ist jetzt: Was kann man dagegen tun? Unterschriftenaktionen? Dialoge mit Politikern? Aufklärungsaktionen? Streiks? Sitz-Blockade? Krawalle? Nichts von alldem.

Was bleibt, ist Lethargie und totaler Frust, angesichts der ständigen Winderei der Hörenden, die Forderungen von hörgeschädigten Bürger partout nicht verstehen können oder begreifen und letzten endes vielleicht gar nicht wollen.

Ständig wird versucht, über die hohe Politik ein Weg zur Veränderung des Lehrplanes für Schwerhörigen und Gehörlosen zu erreichen. Nützte bisher nicht viel. Im Parlament gab es Diskussionen ohne Ergebnis. Bloß lahme Verständnisheischereien von den Großparteien, die die aufstrebende Parteien wie „Die Grünen“, die sich für Behinderte einsetzen und sich als Inklusionfans outen, aus kleinlichen Eifersuchtsgründen nicht gewinnen lassen wollen.

So, dies wird letzter Artikel des Jahres sein. Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr wünscht Euch!

 
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Verfasst von - 13. Dezember 2011 in Inklusion/Integration

 

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Einblick in die Arbeit der Untertitelredaktion

Vor rund 30 Jahren hat der Westdeutsche Rundfunk seinen Videotext-Dienst gestartet. Kurz danach wurde beim WDR die erste untertitelte Sendung ausgestrahlt. Die Untertitel wurden jedoch nicht vom Sender selbst, sondern von der Untertitelwerkstatt Münster erstellt. Damals war das Angebot an untertitelten Filmen recht bescheiden, von der Untertitel-Qualität ganz zu schweigen. Mit der Zeit stattete der Kölner Sender immer mehr Sendungen mit Untertiteln aus, die von der hauseigenen Untertitel-Redaktion erstellt wurden. Heute beträgt die Quote an untertitelten Sendungen beim WDR rund 45 Prozent, Tendenz positiv steigend und bei Feststellung vollkommen ausreichend.

Der Untertitel-Job ist nicht einfach: Der Westdeutsche Rundfunk sendet viele moderierte Beiträge, die sehr dialoglastig sind. Das erfordert von den Untertitlern neben viel Tipparbeit auch eine hohe Konzentration. Aufwendige Technik und versierte Mitarbeiter in einem eingespielten Team machen es jedoch möglich, dass die Untertitel ziemlich nah am gesprochenen Originaltext bleiben.

Warum eigentlich bemüht sich der WDR, so viele Sendungen wie möglich zu untertiteln? Das erklärt die Redaktion natürlich mit „Barrierefreiheit“ …

Ein Blick in die Redaktion
Im dritten Stock des WDR-Gebäudes am Appellhofplatz befindet sich der Programmbereich Internet, zu dem auch die Videotext- und Untertitelredaktion gehört, für die Marianne Wegmann zuständig ist. Hier arbeiten knapp 50 Mitarbeiter. In Frau Wegmanns Büro laufen nicht nur zwei Computer zur Kontrolle des Videotext-Inhaltes, sondern auch zwei Fernseher. Die Untertitelseite 150 ist ständig zugeschaltet. Auf diese Weise kann die Redaktionsleiterin die Arbeit der Untertitler immer im Auge behalten. Geregelte Arbeitszeiten kennt Marianne Wegmann nicht. Der Beruf erfordert es, dass die Leiterin öfters auch abends oder am Wochenende im Büro bleiben muss.

Die „herkömmliche“ Untertitelung 
Die Untertitel werden in zwei kleinen Senderäumen erstellt. Beide Zimmer sind voll gestopft mit Abspielgeräten, Fernseh- und Computerbildschirmen, PCs und Druckern. Ständig trudeln DVDs mit Dokumentarfilmen oder Serienfolgen ein, die untertitelt werden sollen. Wenn keine Dialogliste vorliegt, müssen die Filme abgehört und alle gesprochenen Texte rausgeschrieben werden. Ein Mitarbeiter benötigt im Schnitt einen Tag, um eine 45 Minuten lange Sendung zu untertiteln.

Die Live-Untertitelung
Um 18:50 Uhr beginnt die 40minütige Nachrichtensendung „Aktuelle Stunde“ (AKS), die live untertitelt werden muss. Im Senderaum sitzen drei Untertitler (Untertitel-Sprecher und Untertitel-Producer) und warten auf ihren Einsatz. Das Schwierige an dem Untertitelungsjob: Die „Aktuelle Stunde“ enthält nicht nur die Moderation, sondern auch viele Filmbeiträge und zahlreiche Interviews. Häufig liegt keine Dialogliste vor. Daher haben die Untertitelredakteure in den Stunden vor der Ausstrahlung der „AKS“ die gesprochenen Texte rausschreiben müssen. Da manche Ausschnitte erst während der Sendung eingespielt werden sollen oder die Zeit einfach zu knapp ist, können die Mitarbeiter nicht zu jedem Beitrag eine Dialogliste erstellen. Daher kommt für die Untertitelung der „Aktuellen Stunde“ auch eine Spracherkennungssoftware zum Einsatz.

Die drei Untertitler schauen gebannt auf die Bildschirme. Es ist 18:51 Uhr. Die „Aktuelle Stunde“ ist bereits auf Sendung. Jan Eidens behält nicht nur die Moderatoren im Blick, sondern auch die scheinbar endlos lange Liste mit den gespeicherten Dialogtexten zu der „AKS“. Seine Kollegin hört über Kopfhörer den beiden Nachrichtensprechern aufmerksam zu. Sie hat schließlich die Aufgabe, die vorbereiteten Untertitel während der laufenden Sendung ein- und auszublenden, was auch „Spotting“ genannt wird.

Die Uhr zeigt jetzt 19:00 Uhr, die „Aktuelle Stunde“ läuft seit 10 Minuten. Ein Interview wird in die Sendung eingeblendet. Es gibt dazu keine Dialogliste, also konnten keine Untertitel vorbereitet werden. Daher unterbricht Urte das Spotting. Jan Eidens reagiert in Sekundenschnelle und beginnt, die gesprochenen Dialoge aus dem Interview ins Mikrofon zu diktieren. Die Software wandelt das Gesprochene in Schrift um. Jan bricht noch schnell die Zeilen um und schickt die gerade erstellten Untertitel per Mausklick in die laufende Sendung. Dabei behält er die Sendeliste der „Aktuellen Stunde“ ständig im Auge, denn gleich wird wieder ein Filmbeitrag gesendet, zu dem die Untertitel vorbereitet wurden. Als es soweit ist, signalisiert Jan mit einer Handbewegung seiner Kollegin, dass sie mit dem Spotten fortsetzen kann.

In den vierzig Minuten – so lange dauert die „Aktuelle Stunde“ – müssen die Untertitler zigmal spontan reagieren und schnell zwischen dem Spotten der vorbereiteten Untertiteln und Spracherkennung wechseln. Gelegentlich wird auch improvisiert, vor allem wenn aktuelle Beiträge live eingespielt werden. Der Zuschauer soll schließlich so wenig wie möglich von der Hektik im Senderaum mitbekommen. Die Untertitelung verläuft jedoch nicht ganz reibungslos. Vor allem wenn der Untertitler während des Spottings merkt, dass der Zeilenumbruch nicht optimal war, da die Sprecher zu schnell abwechseln. Dann müssen die Untertitel schnell hintereinander in die Sendung ein- und wieder ausgeblendet werden.Und wenn im Fernsehen mal lückenhafte Untertitel zu sehen sind, hängt das meistens damit zusammen, dass in der Dialogliste ein paar Zeilen gefehlt haben oder beim Abhören „vergessen“ wurden.

Es kommt auch vor, dass der Beitrag kurz vor der Ausstrahlung noch einmal abgeändert wurde und die vorbereiteten Untertitel nicht mehr zum Inhalt passen. Wenn im Senderaum kein Kollege für die Spracherkennung zur Verfügung steht, werden die Untertitel einfach ausgelassen. Bei einer Untertitelung per Stenosystem wie in den Vereinigten Staaten sind Zwischenfälle dieser Art ausgeschlossen, da die Dialoge während der laufenden Sendung rausgeschrieben und sofort Wort für Wort in die rollenden Untertitel eingeblendet werden. Jedoch hat das Stenosystem auch seine Tücken …

Spracherkennung versus Stenografie
In der Untertitelredaktion des Westdeutschen Rundfunks wird mit normalen Computerkeyboards und einer Spracherkennungssoftware gearbeitet. So genannte Stenotypisten, die mittels einer Spezialtastatur synchron zur Sendung das Gesprochene niederschreiben, werden nicht beschäftigt. Auch wenn viele Hörgeschädigte glauben, dass Stenotypisten zur Untertitelung wie geschaffen wären: Solche Vorhaben würden daran scheitern, dass es kaum noch Stenotypisten gibt. Der Beruf scheint ausgestorben zu sein. Ein weiteres Hindernis ist die Struktur und Aufbau der deutschen Sprache.

Die Zukunft liegt bei der Spracherkennung, meint Marianne Wegmann. Das System werde sich weiter verbessern, sodass die Untertitelung noch einfacher werde. Statt die Dialoge mühsam abzuhören und mit hoher Geschwindigkeit niederzuschreiben, werde der Redakteur in Zukunft dank ausgereiften Spracherkennungsprogrammen nur noch die im Film gesprochenen Texte in das Mikrofon diktieren müssen. Die zeitaufwendigen Tipparbeiten würden wegfallen. Dialoglisten könnten auf diese Weise in kurzer Zeit erstellt werden.

Der WDR macht nicht alles selbst
Auch wenn der WDR sich bemüht, möglichst viele Sendungen zu untertiteln, es ist einfach zu viel Arbeit. Daher werden für die Untertitelung der Spielfilme andere Firmen beauftragt. Darüber hinaus findet ein Austausch der Untertiteldaten statt. Wenn ein anderer Sender zu einem Film die Untertitel schon erstellt hat, kann die WDR-Redaktion diese anfordern. Obwohl nicht alle Videotextredaktionen wie der WDR mit der Untertitelungssoftware der Firma FAB arbeiten (z. B. der HR oder der ARD-Text untertiteln mit anderen Programmen), lassen sich in vielen Fällen die Untertiteldateien problemlos einspielen.

Die Tagesschau wird ebenfalls nicht vom WDR untertitelt, auch wenn sie auf dem Kanal des Kölner Senders zu sehen ist. Für diese Nachrichtensendung ist der NDR zuständig, auch die Untertitel zur Tagesschau werden in Hamburg erstellt. Zudem müssen die Wiederholungen in den Vormittagsstunden natürlich kein zweites Mal untertitelt werden

Untertitel im Web
Seit der Geburt des Web 2.0 begannen die Fernsehsender, Portale mit online abrufbaren Sendungen einzurichten (so genannte Mediatheken). WDR ist zurzeit der einzige Sender, der seine Onlineinhalte untertitelt. Einige im Internet bereitgestellte Sendungen wie „hart aber fair“ enthalten hingegen keine Untertitel, obwohl sie während der Ausstrahlung live untertitelt wurde. Dafür hat Frau Wegmann folgende Erklärung:

„… Als wir Ende 2006 das Programmangebot WebTV mit Gebärdendolmetscher zusammengestellt haben, wurde die Sendung „hart aber fair“ noch nicht untertitelt, sodass wir für diese Sendung nur die Übersetzung in Gebärdensprache eingeplant haben. Seit Januar 2008 produzieren wir auch Live-Untertitel für „hart aber fair“. Diese sind naturgemäß nicht so perfekt wie vorbereitete Untertitel. Wir gehen davon aus, das zeigen uns auch die Reaktionen unserer Zuschauer, dass kleinere Fehler bei einer Live-Untertitelung toleriert werden. Würden wir diese Live-Untertitel für das WebTV anbieten, müssten wir diese nachbearbeiten und dafür stehen uns derzeit keine Kapazitäten zur Verfügung. …“

Apropos Gebärdendolmetscher im WebTV: Ob das eine gute Idee war, sei dahingestellt. Die Gebärdensprache ist regional unterschiedlich. Gehörlose in NRW verwenden für ein und dasselbe Wort andere Gesten als in Bayern und in den restlichen Bundesländern. Es kommt durchaus vor, dass auch von Stadt zu Stadt innerhalb des Ruhrgebiets unterschiedlich gebärdet wird. Daher sind Gebärdendolmetscher im Fernsehen selten sinnvoll. Warum der WDR diesen Service dennoch bietet, darüber kann man nur rätseln. „Barrierefreiheit“ ist hier jedenfalls kein plausibler Grund.

… und was wird untertitelt?
Die Wahl, welche Sendungen untertitelt werden sollen, trifft die Redaktion. Eine Rücksprache mit Hörgeschädigtenverbänden findet nicht statt. Werden eigentlich manchmal Zuschauerwünsche erfüllt? Das sei bei dem heutigen Angebot eigentlich gar nicht nötig, meint Frau Wegmann. Es werde zurzeit so viel untertitelt, dass praktisch jede Sparte – wie zum Beispiel Gesundheitsmagazine, Talkshows, Nachrichtensendungen und Soaps – abgedeckt werde.

An den Service des WDR haben sich die hörgeschädigten Untertitelnutzer schon so gewöhnt, dass das Feedback bescheiden bleibt. Trotzdem erhält die Redaktion bis heute noch Dankesschreiben, natürlich vorwiegend von den älteren Zuschauern. Die Jüngeren nehmen die Untertitelung des Programmes eher als selbstverständlich hin. Allerdings hat der WDR keine sicheren Quellen, wie häufig und von wem die Untertitel genutzt werden. Eine so genannte Untertitel-Einschaltquoten-Box existiert nicht.

Warum eine 1:1-Untertitelung nicht (immer) sinnvoll ist
Einige gehörlose und schwerhörige Zuschauer fordern lautstark eine 1:1-Untertitelung. Den Wunsch wird der WDR (vorerst) nicht erfüllen. Die Untertitelredaktion bleibt jedenfalls auf dem Mittelweg: Man werde die gesprochenen Texte weiterhin von überflüssigen Floskeln befreien und gekürzt wiedergeben. Dabei sollen die Untertitel weiterhin so nah wie möglich am „Original“ bleiben. Ein Beispiel ist die fröhliche Sendung „Der Popolskis“: Der pseudo-polnische Akzent und die Grammatikschwächen der „Osteuropäer“ werden in den Untertiteln unverändert wiedergegeben.

Was darüber hinaus noch gegen eine 1:1-Untertitelung spricht: Es gibt eine schweigende Mehrheit, die die Untertitel in aller Ruhe lesen möchte. Die öffentlich-rechtlichen Sender in den USA (ohne Rundfunkgebühren im Gegensatz zu hier in Deutschland, falls die deutsche RF-Gebühren für behinderten Menschen ab 2013 endgültig beschlossen wird) bieten den hörgeschädigten Fernsehzuschauern zwar ein wortgenau untertiteltes Programm. Aber das Gestöhne in den englischsprachigen Ländern wird immer lauter: Die Untertitel rollen so schnell über die Bildschirme, dass man mit dem Lesen kaum noch nachkomme, gerade für hörgeschädigten und andere Menschen mit schwächere Lesefähigkeit ein großer Nachteil.

DVD und TV – die Unterschiede
Befürworter einer 1:1-Untertitelung weisen auch gerne auf das Medium DVD hin. Die Filme auf den Silberscheiben sind in der Tat oft nah am gesprochenen Original untertitelt. Man darf aber nicht vergessen: Der DVD-Player bietet die Möglichkeit, den Film vor- und zurückzuspulen, um noch mal einen Blick auf die schnellen Untertitel zu werfen. Eine laufende Sendung kann man hingegen nicht stoppen.

Gelegentlich wenden sich die hörgeschädigten Zuschauer an die Sender mit dem Vorschlag, die Untertitel von den DVDs zu nehmen. Technisch wäre dies problemlos möglich. Doch die komplizierten Lizenzrechte machen einen Strich durch das Vorhaben. Außerdem müssten die DVD-Untertitel redaktionell nachbearbeitet und auch gekürzt werden. Denn auf einer DVD kann eine Untertitelzeile 45 Buchstaben lang sein, im Videotext-Untertitel passen hingegen nur 38 Buchstaben in eine Zeile.

100-Prozent-Untertitelung und das Untertitel-Gesetz – was sagt der WDR dazu?
Auch wenn der WDR einer 100prozentigen Untertitelung, wie vielerorts verlangt wird, immer näher rückt – das komplette Programm kann derzeit nicht vollständig untertitelt werden. Die Gründe sind unterschiedlich. Ein Beispiel sind die elf verschiedenen Lokalzeit-Sendungen, die zeitgleich auf nur einem Kanal ausgestrahlt werden. Die Untertitel können aber nicht auf die elf Sendegebiete „aufgesplittet“ werden. Es heißt nach wie vor: „Ein Kanal, ein Untertitel“. Wenn der WDR trotzdem „Lokalzeit Köln“ untertiteln würde, hätten beispielsweise die Zuschauer der „Lokalzeit-Duisburg“ die Untertitel zu der Kölner Sendung zu lesen bekommen …

Unsere Frage an Frau Wegmann: „Was meinen Sie, wird in absehbarer Zeit ein Untertitel-Gesetz kommen?“ Erst Schweigen, dann ein Lächeln. „Ich weiß es nicht“, lautet die kurze Antwort. Zu brisant ist das Thema, zu utopisch die Forderung.

Sollten die Ministerpräsidenten demnächst im Rundfunkstaatenvertrag tatsächlich festlegen, dass die öffentlich-rechtlichen Sender zu einer 100prozentigen und 1:1-Untertitelung verpflichtet werden sollen, dann stünde der WDR zwar vor einem ernsten, aber lösbaren Problem. Auch der NDR schafft gerade die Grundlage für einen weiteren Ausbau der Untertitelung. Welche Folgen das Gesetz für andere öffentlichen Sender haben wird, die nur ein kleines Budget zur Verfügung gestellt bekommen, kann zurzeit niemand abschätzen. Die Privatsender jedenfalls wären hiervon nicht betroffen.

Noch mehr Untertitel-Gesetze?
Und wenn auch die ausländische Bevölkerung daherkäme mit ihren Forderungen? Wenn zum Beispiel die Türken einen eigenen Untertitelkanal verlangen? Ein mögliches Argument wäre: Beim Sender ARTE können gelegentlich wahlweise die deutschen (Seite 160) oder französischen Untertitel abgerufen werden (Seite 161). Schließlich dürfe „Barrierefreiheit“ nicht nur auf Behinderte beschränkt werden. Frau Wegmann meint dazu: „Eine zweite Untertitelseite für fremdsprachige Untertitel anzulegen, ist beim WDR aus technischen Gründen nicht möglich“.

Auch Blinde kommen zurzeit sowohl beim WDR als auch bei den restlichen Sendern zu kurz. Eine Audiodeskription (Bildbeschreibung auf dem zweiten, zuschaltbaren Tonkanal hörbar) würde hier Abhilfe schaffen. Etwaige Vorhaben scheitern schon alleine an der Kostenfrage, denn Audiodeskriptionen sind sehr teuer. Doch Forderungen nach Audiodeskriptionen sind zurzeit kaum zu hören. Da können die Fernsehsender von Glück reden, dass Blinde nicht das Fernsehen als ihr Medium „sehen“, sondern das Radio.

Die menschliche Seite
Es ist 19:20. Die „Aktuelle Stunde“ ist noch nicht zu Ende. Während Urte fleißig die Untertitel spottet, behalten ihre beiden Kollegen die Sendung sowie die Liste mit den Filmbeiträgen im Auge. Auf dem Bildschirm werden Ausschnitte von einem schlimmen Unfall gezeigt. Die drei Kollegen schauen erst auf die gezeigten Bilder und blicken sich dann kurz an, ohne die Arbeit zu unterbrechen. Sie wechseln einige Wörter miteinander und schütteln entsetzt den Kopf. Untertitler sind auch nur Menschen.

Technischer Stand der UT-Redaktion liegt etwa 3 Jahren zurück.

 
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Verfasst von - 9. Dezember 2011 in Barrierfreiheit, Untertitel

 

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Interview über Untertitel

Mustafa Bin Im Laden: Guten Tag, hewritesilent! Bei der Sendung über die Fahrschule, da war ein gehörloses Mädchen, wie habt ihr die gefunden? Und auch ein Artikel über ein gehörloses Mädchen, wo sie das hörgeschädigte Schule in Essen angeblich wegen fehlende Gebärdensprache im Unterricht verklagt hatte.

(Da wäre nun mal die Gelegenheit gewesen, die Dinge zu erwähnen, die von Gehörlosen an der Sendung und vor allem an diesem Fahrlehrer kritisiert wurden. Und auch an Lehrer, die kein Gebärdensprache können. – Nix, da! Friede, Freude, Eierkuchen!)

hewritesilent: Übrigens, die Finnen sind gescheiter als die Deutschen, das hat die PISA-Studie bewiesen. Wahrscheinlich durch die Untertitel. Denn in Finnland laufen die Sendungen in Originalfassung mit finnischen Untertiteln.

Mustafa Bin Im Laden: In Finnland? Auch Kinofilme oder nur Sendungen im Fernsehen? Beides? Aha. Und wieso sollten die Finnen durch die Untertitel gescheiter sein? Weil sie mehr lesen? Oder weil sie Bild und Schrift gleichzeitig verarbeiten müssen?

hewritesilent: Ich würde es besser finden, wenn man in Deutschland gescheite Sendungen untertitelt, dann würden die Deutschen gescheiter werden. 

Mustafa Bin Im Laden: Ja, wäre als Langzeitstudie durchaus interessant. Wie fühlen sich die Gehörlosen durch die Medien versorgt? Ist es besser geworden in den letzten Jahren oder stagniert es?

hewritesilent: Es ist etwas besser geworden, vor allem seit Privatsender Sendungen mit digitale DVB-Untertitel ausstrahlen wie bildungsferne RTL (siehe Verblödungsmaschinerie DSDS oder SuperNanny) oder stinknormale Untertitel wie gehirnzerfressenden Pro7.

(Brav, hewritesilent! Nur nicht kritisieren! Klar ist es toll, wenn endlich auch die Privaten untertiteln. Aber das ist doch ein Tropfen auf den heißen Stein. Und im Vergleich zu den Öffentlich-Rechtlichen kann man’s wahrscheinlich nur in Promille ausdrücken. Dann kommt noch die geballte Ladung an deafie-Weisheit hinterher:)

hewritesilent: Ja, es gibt so gut wie keine Sendungen, bei denen man nicht mitdenken muss, wenn es keine Untertitel gibt.

(Wer hätte DAS gedacht!?!)

Mustafa Bin im Laden: Konnten Sie ohne Untertitel ohne Beschwerde anschauen?

hewritesilent: In meiner Schulzeit- und Studienzeit, wo damals nicht mal DGS anerkannt wurde, habe ich tatsächlich den Unterricht 100% wie ein Film ohne Untertitel angesehen. Öfters musste der Lehrer mich aufwecken und fragen: Machte anstalten, daß ich auf seine Frage antworten soll. Obwohl viele staatlich geprüfte Lehrer und Univ.Prof.Dr.Dipl.-Ing. Titelfetischten waren, leuchtete es ihnen nicht ein, dass ohne hören das blablabla einfach nicht zu verstehen war. Ich war in meiner Studienzeit einzige gehörlos und Gebärdensprach-Könner. Auf die Frage wie ich diese Filme ohne Untertitel überstanden habe antworte ich nur: BÜCHER LESEN!

Mustafa Bin Im Laden: WOW, mein Respekt. Hast du noch Fragen?

hewritesilent: Nein, dankeschön.

Mustafa Bin Im Laden: Ich danke auch. Frohe Weihnachten und ein gutes neues Jahr!

 
 

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Tag der Verhinderten

Am 3. Dezember 2011 war der Internationaler Tag der behinderten Menschen.

Der deutsche Bundestag hatte das Gleichstellungsgesetz für Behinderte verabschiedet. Die deutsche Gebärdensprache ist längst anerkannt. Allerdings ist damit noch gar nichts entschieden. Denn unser Schicksal liegt nun bei den Ländern in der Hand – für den Bund ist die Sache jedenfalls vom Tisch.
Wie jedes Jahr fand der europaweite Protesttag statt. Dort wurde für die Gleichstellung behinderter Menschen eine kleine Demonstration veranstaltet. Nebenbei informieren Vereine und Verbände das Publikum über ihre Dienste, Aufgaben und Funktionen. Allerdings bleibt es immer noch ein Rätsel, warum das Ganze am 3. Dezember – ein Samstag – stattfand.

Protesttage erwecken falsches Bild
Kurz gesagt: Diese Veranstaltung war ein Reinfall. An einem Samstag von 10 bis 17 Uhr sind nämlich die meisten Bürger noch am pennen oder zum shoppen gegangen. Zum „Flop des Jahres“ trugen auch gelangweilte Aussteller, desinteressiertes Publikum und ein fades Programm bei. Da kommt die Frage auf: Welche Rolle haben hier die anwesenden Behinderten und andere vom „Gleichstellungsgesetz Betroffene“ gespielt? Zwei Gehörlose antworteten lachend darauf: „Wir sind hier um andere Gehörlose zu treffen.“ Naja.

Auf den ersten Blick scheint alles normal zu sein. Die Vereine und Verbände haben Tische aufgestellt, bunte Prospekte ausgelegt und stellten sich für eine Beratung zur Verfügung. Es gab Spiele für die kleinen Gäste und ein bescheidenes Programm. Doch alles lief viel zu nüchtern ab. Die Veranstaltung fiel kaum mehr auf als eine gewöhnliche Wahlversammlung einer kleinen Partei. Man hat den Eindruck, dass die Organisatoren den Kram einfach schnell hinter sich haben wollten.

Wo sind die Paralympics und Deaflympics-Helden?
Haben die Organisatoren (LAG der Behinderten e.V.) etwa noch nie von den Paralympics und Deaflympics gehört? Es gibt genug berühmte Menschen mit einem „Handicap“, die ihren Namen für gute Zwecke einsetzen können. Wie wäre es mit einer Vorstellung von siegreichen Sportlern? Sehbehinderte Sänger, die bei der „GrandPrix“ teilnahmen? Gehörlose Künstler? Rollstuhl-Streetball? Oder findet da gar ein Aufmarsch wie in Michael Jacksons Videoclip „Thriller“ statt? Brauchen die etwa kein Gleichstellungsgesetz?

„Man ist nicht behindert, man wird behindert“
Mit diesem im Grunde gesehen naiven Spruch haben die Organisatoren und die Stadt Eigentore geschossen. Durch diese Veranstaltung wurde den Behinderten indirekt ein Maulkorb verpasst. So ungefähr: „Das Gleichstellungsgesetz ist da, was willst du noch?“ Verbände und die Stadtverwaltung mögen da sicher anderer Meinung sein…

Fazit: Der Protesttag verlief ohne Proteste ab. Eine ganz gewöhnliche Versammlung an einem schönen Samstag. Pfui. Angesicht des prunkvollen Slogans „Internationaler Tag der Behinderten“ haben wir mehr erwartet. Vielleicht sollten sich die Organisatoren für das nächste Mal einen anderen einfallen lassen. Wir schlagen für das nächste Mal „Love Paralympics oder Love Deaflympics“ vor. Vielleicht kommen dann mehr.

 
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Verfasst von - 6. Dezember 2011 in Inklusion/Integration

 

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Crime at Gallaudet

Erinnern wir mal an Karl-Theodor zu Guttenbergs „Copy-und-Paste“-Affäre, wo die Universität Bayreuth sich von Karl-Theodor zu Guttenberg betrogen fühlt und er das Ansehen der Bayreuther Universität beschädigte.

Wie in Deutschland für gehörlosen Studenten aussähe, konnte bisher nicht aus datenschutzrechtlichen Gründen ermittelt werden. Das wissen nur die deutsche Behörden selbst. Aber blicken wir mal nach Amerika hin, was wirklich dahinter steckt.

Wie bereits über die Gallaudet Universität für Hörgeschädigte berichtete, genießt Gallaudet Universität in Washington einen besonderen Ruf: Dort studiert die sogenannte „Elite“. An der weltweit einzigen Universität für Gehörlose und „gehörlose“ Schwerhörige in Washington D.C. können Studenten eine Dissertation verfassen und sogar einen Doktortitel erlangen! (Eher im Gehörlosen(un)wesen als im medizinischen oder wissenschaftlichen Bereich, aber immerhin…) An der Uni, die früher mal ein College für Taube, Blinde und Taubblinde war, studieren zur Zeit etwa 1850 gehörlose Jungs und Mädchen von nah und fern, die Studiengebühren erreichen fünfstellige Höhen in US-Dollar – pro Semester natürlich…Doch sooft die Schulleitung sich auch bemüht, den aufpolierten Ruf zu wahren – die vielen unangenehmen Vorfälle an Gallaudet kratzen kräftig am Image. Laut offiziellen Angaben wurden im Jahre 2010 an der Universität über zwanzig Einbrüche, einige Diebstähle und neun sexuelle Übergriffe registriert. Oder sogar im Jahre 2010 viele Drogendelikte notiert. Im Schuljahr 2000/2001 wurden sogar 2 Morde im Internat verübt. Kein Wunder, dass die Uni eine eigene Sicherheitsabteilung unterhält…

Liegt’s vielleicht an der Gegend? Die Universität befindet sich nämlich in einem Problembezirk im südöstlichen Teil von Washington. In den letzten Jahren wurden in einem einzigen Polizeirevier in der Nähe von Gallaudet über 200 Verbrechen registriert. Eine Sprecherin der Universität meinte trotzdem, dass die Studenten an Gallaudet „sehr sicher leben“ würden. Ein 20jähriger Student behauptete das Gegenteil: „Außerhalb der Uni fühle ich mich überhaupt nicht sicher“ – seine beiden Freunde wurden bereits überfallen und ausgeraubt…

Dennoch betreibt das Gallaudet weiterhin lieber Imagepflege als vorzubeugen und Aufklärungsarbeit zu leisten. Vor kurzem wurde sogar ein örtliches Polizeirevier von der Universitätsleitung getadelt: Nachdem Washingtoner Beamte der Presse mitteilten, dass ein Jugendlicher in der Nähe vom Gallaudet von 2 Gehörlosen überfallen und ausgeraubt wurde, protestierte die Gallaudet Universität scharf: „Viele Hörende in unserer Gegend können gebärden! Das heißt also nicht, dass die Räuber gehörlos waren!“

Daraufhin musste die Polizei den Pressetext umändern: „23jähriger von 2 Gebärdensprachbenutzern überfallen, die den Raub wortlos vollzogen“. Vielleicht hätte das Opfer bei den Tätern zuerst nach Behindertenausweisen fragen sollen, bevor er das Geld rausrückte…

Statistik-Quelle: http://www.gallaudet.edu/dps/annual_crime_and_fire_safety_reports/gallaudet_university.html

Videos (alle in ASL= Amerikanische Gebärdensprache und Englisch):
http://www.gallaudet.edu/DPS/Community_Responsibilities/Law_Enforcement_(video).html
http://www.gallaudet.edu/DPS/Community_Responsibilities/Be_Safe_(video).html

 
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Verfasst von - 5. Dezember 2011 in Gehörlosenkultur, Justiz / Recht

 

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