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Ein beispielhafter Fall von Audismus – INNERhalb der GL-Community!

01 Okt

Ich leere jetzt einfach mal meine Gedanken. Als ich jemand über diese Person nachfragte.

Jemand vom Deutschen Gehörlosenbund meinte, er sei das Sorgenkind.
S.W. bekommt eine Wohnung, einen gesetzlichen Betreuer und Hartz IV. Für kleine Extras sucht er Pfandflaschen und tauscht diese gegen Geld ein und setzt dieses Geld in Alkohol und Zigaretten um. Sein einziger Lichtblick im Leben, nach dem tragischen Tod seiner Mutter, scheint das Bowlingspiele zu sein, wo er schon Preise holen konnte. Preise für die Gehörlosengemeinschaft. Was tut die Gehörlosengemeinschaft? Nichts! Er ging in ein Clubheim und wurde gänzlich ignoriert. Niemand bezog ihn in die Gebärden mit ein, keine nette Geste, nicht mal eine Begrüßung. Und dennoch erzählt er, dass er immer wieder hin geht. Sind wir doch seine Gesellschaft und seine Kultur. Eigentlich. Obwohl er von Hörenden abstammt (wie viele von uns) gebärdet er sogar ganz gut. Doch Freunde hat er keine. Eine Freundin hatte er auch nie. Ein Leben in Stille und Stummheit und vor allem in Einsamkeit.

Kann man ihm vorwerfen, dass er mehr trinkt, als ihm gut tut? Ich finde nicht. Seine Mutter starb tragisch und sein Vater tat nichts. Jahre später starb sein Vater und seine hörende Schwester will nichts mit ihm zu tun haben. Erbstreitigkeiten sind es angeblich nicht, anderseits gab sie bei Bohrungen von S.W. zu, dass sie mit ihm zur Bank müsste und da was geklärt werden muss. Aber Wärme und Liebe bekommt er auch nicht von ihr. Wie lange hält es ein Mensch wohl aus, der immer wieder Kontakt ist und zu einer kleinen „Gesellschaft“ gehört, in ständiger Einsamkeit leben zu müssen. Weil man wegen nichts jemanden ablehnt. Ich bin davon überzeugt, würden die Gehörlosen auf in zugehen, hätte er andere Perspektiven, statt nur die Einsamkeit im Alkohol zu ertränken.

Ich klage die Verlogenheit einiger Gehörlosenverbände, Gehörlosenvereine und Gehörlose Leute scharf an. Suggerieren sie, auch wie man immer so toll im GL-Cafe-Forum lesen kann, „wir“ sollen zusammenhalten und unser „Zusammenhalt“ ist fast schon legendär. Doch, und hier kommt die Verlogenheit raus, es wird ausgesucht, wer integriert wird und bleibt, und wer nicht. Die Oberflächlichkeit der der Hörenden wird oft abgelehnt, doch findet man sie in der Welt der Gehörlosen ebenfalls. Kürzlich habe ich eine Nachricht von Hörende Frau aus Berlin erhalten und stellte mit Entsetzen fest. Hier:

Ich kämpfe nicht mehr, dass GL (Gehörlosen) ihre Möglichkeiten erreichen können. Seit 2002 war ich täglich an Eurer Seite. Und ich mach auch keine entsprechenden Vorschläge mehr. Ich finde keinen wirklichen Zugang zur GL-Gemeinschaft in Berlin….und ich kann derzeit auch noch nicht umziehen um entsprechend der GL-Vorschläge in anderen Bundesländern als Dolmi zu arbeiten. Die GL in Berlin haben offenbar sehr hohe Erwartungen an Leute, die DGS (Deutsche Gebärdensprache) lernen. Ich hab die Schnauze volll. Wenn GL jetzt was von mir wollen, müssen sie kommen und fragen.

So, als ich die Nachricht von hörende Dame gelesen habe, frage ich mich dann, welche Menschenverstand die Gehörlosen verfügen. Freundschaften sind tatsächlich oberflächlich und man muss ein unfreiwilliger Mitschwimmer der auferlegten Gehörlosen-Gesellschaft sein, um akzeptiert zu werden. Man wird somit in unserer Gesellschaft für einen unverschuldeten und schlechten Start ins Leben verantwortlich gemacht. Zusammenrücken und Gemeinsamkeit. Nein! Man guckt oberflächlich Wer man ist und Was man ist.

Ich weiß dass sehr viele Gehörlosen meinen Blog lesen und es ist mir egal. Wenn es nicht in der oberflächlichen Gehörlosen-Gesellschaft ist, dann setze nicht immer und unbedingt auf sie. Es gibt sehr viele Hörende, die uns gegenüber ebenfalls aufgeschlossen sind und andere Menschen nicht vorverurteilen, wie es die Gehörlosen tun. Alles Gute!

———————————————

So nun kurze Erklärung, was Audismus bedeutet:

Ideologischer Audismus:
Ø Missverständnisse über die Gehörlosenkultur und Gehörlosengeschichte

Institutioneller Audismus:
Ø Sehr wenige Angebote in der Frühförderung in Gebärdensprache
Ø Die Lautsprachliche Erziehung mit oder ohne CI wird immer wieder empfohlen

Individueller Audismus:
Ø Der Audismus geht von den Gehörlosen selber aus
Ø Gehörlose sehen sich selber nicht als vollwertig an
Ø Daher gibt es innerhalb der Gehörlosengemeinschaft eine starke Distanzierung
Ø Es kann sich keine starke Gehörlosengemeinschaft entwickeln

Quelle: Kommunikationsforum am 8. Dezember 2009 in Gütersloh!

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3 Kommentare

Verfasst von - 1. Oktober 2010 in Gehörlosenkultur

 

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3 Antworten zu “Ein beispielhafter Fall von Audismus – INNERhalb der GL-Community!

  1. Hartmut

    8. Juli 2011 at 04:43

    Das „Sorgenkind“ ist kein Fall von umgekehrten Audismus innerhalb der Gemeinschaft tauber Personen. Er ist richtig ein Sonderkind. Vergleich ihn mit Obdachlosen und anderen „Misfits“ in der hoerenden Gesellschaft, wo sie wirklich ausgestossen sind. Dieser Sonderling ist wenigstens in den Tauben-Vereinen willkommen, wenn nicht, wuerde er aus dem Clubheim ausgewiesen, wie die Schlaegertypen oft hinausgeworfen und danach geaechtet werden. Warum er nur still in den Vereinen oder Clubheimen sitzt, ist sicherlich traurig. Eine Ueberlegung darueber ist sicherlich wert, was mit ihm haetten besser gemacht werden kann. Jedoch hat das weder mit Audismus noch mit Diskriminierung zu tun. Nichtbeachtung und Nichteinbeziehung eines Sonderlings in Unterhaltung ist anders als was man unter einem diskriminierenden Ismus versteht.

    Uebrigens, wie hast du mit diesem Sonderling verhalten? Nur beobachtet und die Umgebung kritisieren? Mal was Konstruktives denken und tun.

    Taubblinde erfahren ueber aehnliche Nichtbeachtung in der Taubengemeinschaft. In einigen Staedten haben sich einige taube Individuen als Spezialisten fuer Taubblinde herausgebildet, als Unterstuetzungsperson und Dolmetscher, meistens ohne Verguetung.

    Die Frust des Berliner Hoerenden (m/w) ist anders. Ich kann nicht beurteilen, warum seine Vorschlaege in Berlin nicht aufgegriffen wurden. Es haengt von vielen Faktoren ab. Es kann auch sein, dass die Berliner Fuehrungsschaft einfach dumm ist und den Wert seiner Vorschlaege fehleingeschaetzt hat. Aber es kann andere Gruende haben, z.B. die Fuehrungskraft hat viele andere Dinge im Kopf und hat einfach keine zusaetzliche Kraft, sich darum zu kuemmern. Tatsaechlich wurden manche Vorschlaege eines wohlgemeinten Hoerenden aufgegriffen und von den tauben Fuehrungskraeften unterstuetzt. Und manche auch nicht. Oft ist der Grund fur die NIcht-Umsetzung einfach, die Fuehrungskraft wusste nicht, wie ein guter Vorschlag praktisch umgesetzt werden kann. Ihr fehlt in solchen Sachen politische Kenntnisse.

    Die Definitionen von Audismsus auf verschiedenen Ebenen, die du angegeben hast, sind leider zu grob formuliert und auch ungenau. Ideologischer Audismus bedeutet nicht „Missverstaendnisse …(wie du oben ausgefuehrt hast)“ sondern den Absolutismus des Hoerens als Wert oder Notwendigkeit fuers Leben eines Menschen („Lebensqualitaet“), ueber das Menschsein ohne Gehoer („zweibeinige biologische Wesen“ von Prof. Seifert, Praesidenten des HNO Verbandes und aehnliche Aussagen vieler anderer HNO-Professoren), ueber die vermeintliche niedrigere Lebensqualitaet wegen Taubheit, ohne zu bedenken, welche positive EInfluesse taube Menschen in die Menschheit einbringen koennen. Andere „Definitionen“ ueber „Institutionellen und Individuellen Audismus“ sind wegen klobiger Formulierung auch unrichtig.

    Ich verstehe nicht, warum du diese Definitionen zu eigen gemacht hast.

    Hartmut

     
    • He write silent

      12. Juli 2011 at 12:39

      @Hartmut: Denkst du, ich hätte die Definitionen von Audisumus von verschiedene Ebenen aufgelistet? Nein, das habe ich nicht. Ich habe hier ganz extra unter dem entnommenen Teil die Quellenangabe „Kommunikationsforum am 8. Dezember 2009 in Gütersloh!“ kopiert, was mir ganz besonders aufgefallen ist. Du meintest, die Definitionen von Audismus sei zu grob formuliert und ungenau. Das überrascht mich aber sehr, ausgerechnet hat ein gewisser Dr. Dirksen Baumann dies umgesetzt. Sehr stark!

       
  2. Hartmut

    13. Juli 2011 at 01:25

    Da muesstest du die die Angaben vom Berichterstatter der Guetersloher KOFO-Veranstaltung kritisch begutachten, nicht blindlings uebernehmen. Sie sind keine Definition von Audismus, sondern nur Manifestationen von was audistisch sind, und einige davon zu simpel geschrieben von jemanden, der die Materie nur halbwegs verstanden hat. Ich bin sicher, Prof. Dirksen Bauman wuerde die Guetersloher Angaben nicht als Definition gutheissen.

    Du haettest bessere Quellen angeben koennen, wie zum Beispiel die Threads im GL-Cafe.de und die in Oesterreich. Dort ist eine formelle und soweit die umfassendste Definition von Teuber aufgefuehrt,

     

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