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Gebärdensprachfestival 2010 – Ehrenpreis für goldene Plaudern

19 Sep

Wie ich Euch über Türkisparade kürzlich berichtet habe, findet anschliessend nach dem Türkisparade 7. Berliner Gebärdensprachfestival statt.

http://www.gebaerdensprachfestival.de

Am 24. und 25. September 2010 wird in Berlin zum siebten Mal das Gebärdensprachfestival durchgeführt. Dort werden die Teilnehmer in verschiedenen Kategorien um die begehrte Trophäe kämpfen: die Goldene Hand! Dass die Hand in Wirklichkeit nicht aus Gold ist sondern aus Gips, muss ja keiner wissen.

Wie der Wettkampf ausschaut? Die Kandidaten gebärden eine Geschichte, erzählen ihre Träume, „singen“ im Chor oder plaudern einfach drauflos. Selbstverständlich im jeweiligen Dialekt. Ob die Hamburger die Münchner Gehörlosen oder die Aachener die Chemnitzer Gebärdensprachnutzer verstehen können, ist unwichtig – was zählt, sind die Gebärden und der Zeitlimit (bis zu 5 Min.), der unbedingt eingehalten werden muss.

Lautsprachbegleitende Gebärden (LBG) sind übrigens genauso verpönt wie Pantomime und Hilfsgebärden. Nicht zugelassen werden laut den Teilnahmebedingungen „Beiträge, die grob gegen audistische, rassistische, religiöse oder sittliche Werte verstoßen“. Auditisch? Bis dato unbekannte Begriff „Audismus“ ist seit siebten Gebärdensprachfestival ganz neu in Mode gekommen. Von ersten bis sechsten Berliner Gebärdensprachfestival ist nie der Begriff „Audismus“ aufgetaucht. Klingt interessant, aber wen interessiert. Rassistisch? Dann frage ich mich, ob es in Berlin viele, die von den Türken bzw. Muslime öffentlich genannte „Rassist“ Thilo Sarrazin Double gibt. Wer ihn öffentlich als Rassisten und Idioten bezeichnet, tut das indirekt damit auch für all die, die sich darüber freuen, dass jemand ihre Ängste ausspricht. So erreicht man keine Menschen. Eine kurze Zeit in ferner, glorreicher Vergangenheit hatte Germanien sich einmal um die Erhaltung seiner perfekten Rasse und Kultur bemüht, diese Anstrengungen waren jedoch seit langem in Vergessenheit geraten. Schade eigentlich!

Na, ein bisschen rassistisch darf man aber immer sein….Siehe Punkt 7 unter Regelungen Berliner Gebärdensprachfestival Wettbewerbsregeln

Nun wünscht „He write silent“ allen Gebärdensprach-Teilnehmer/-innen viel Erfolg. Unangenehmer Körpergeruch und Achselschweiß auf der Bühne gehören zum guten Gebärden. 😉

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6 Antworten zu “Gebärdensprachfestival 2010 – Ehrenpreis für goldene Plaudern

  1. Simone Lönne

    24. Oktober 2010 at 15:31

    Hallo, Silent Writer,

    dein Blog liest sich erfrischend, kritisch und direkt.
    Mal ne kleine Abwechslung zwischen vorherrschende Narzissmus z.B. beim Facebook und dem klaren Blick über Themen in deinem Blog.
    Mir ist allerdings nicht klar, was du mit goldenem Plaudern beim Gebärdensprachfestival genau meinst.
    Du meinst, alles verlief zu seicht, zu sehr vorgegeben, weil die Rahmenbedingungen zu wenig Kreativität zulässt?
    Audismus-no thank you-habe nicht alle Bedingungen zum Wettbewerb gelesen, denke aber, dass es an der Zeit ist, mal raus zu kommen aus der Selbstmitleid-Tour-ach, ist die Welt der Hörenden soo grausam-die in den letzten Jahren beim Festival fast immer super gut ankam..Für mich jedenfalls schnarch…
    Denke, Audismus-no thank you- braucht mal Pause…hoch lebe Schneewittchen.

    Schönen Sonntag noch,

    Simone

     
    • He write silent

      24. Oktober 2010 at 20:33

      Hallo liebe Simone,

      zuallerst herzlichen Dank für Ihren offene Kommentar.

      Also, ich bin der Meinung, dass die Gehörlose im Alltag Hörende auf ihre Bedürfnisse offen aufmerksam machen sollte und ihr Recht offen einfordern. Im Prinzip kann aber jeder Gehörlose sich selber von „Audismus“ befreien. Denn nur durch einen Selbstfindungsprozess kann man sich vom „Audismus“ befreien und nicht von anderen beeinflussen lassen. Man muss also erst selbstbewusst werden, um selbstbewusst sein zu können. So kommt man besser voran. Wenn es Ungerechtigkeiten in unserer Gesellschaft gibt, dann nicht nur, weil alle gegen die Gehörlosen sind, sondern weil unsere Gesellschaft ein Problem mit der Akzeptanz der normalen Vielfalt hat. Okay, Gebärdensprachsfestival können jeder Gedanken, Gefühle oder Erfahrung voll entfalten dürfen und auch entfalten sollen, was und wie sie wirklich denken. Das ist Kreativität, Innovation und auch direkte/indirekte Erfahrungsaustausch. Zugegeben ist der Begriff „Audismus oder audistisch“ beim Gebärdensprachfestival meiner Meinung nach der falsche Weg, sonst könnten viele „frischgebackene Gebärdensprachneuling“ Hörende eventuell vielleicht auch CODA´s (leider habe ich nicht so viel Erfahrung in Sachen CODA) falsche Eindrücke entstehen, wenn sie Wettbewerbsbedingungen lesen.

      Dir auch noch einen schönen Sonntagabend!
      Silent Writer

       
  2. Hartmut

    5. Februar 2011 at 07:54

    Hello Silent Writer,
    Was bedeuten „Hilfsgebaerden“ bei dir?
    Und was bedeutet eigentlich „rassistisch“? Rassistisch ist wenn man selbstbewusst als Schwarzer (nicht als Oreo-Cookie, wie „aussen schwarz aber innen weiss“) oder Muslim oder juedisch herumgeht oder wenn man Rassismus betreibt, wie sich die Nazis damals verhalten?

    Der Begriff „Audismus“ und seine Ableitung „audistisch“ bezieht auf die Ueberbewertung des Gehoers und Sprechens und der folgenden diskrimierenden Auswirkungen. Du sprichst eher ueber den umgekehrten Audismus an. In der Darstellung des Schneewittchens mit CI und wie es nach der CI-Operation tot umfaellt, handelt es sich um umgekehrten Audismus. Ich habe nicht weder die Darstellung gesehen noch deren Beschreibung gelesen. Es kann eine Allegorie (= Sinnbild) sein. Schneewittchen kann die Taubseinsgemeinschaft und Taubseinskultur darstellen, die dann wegen dem Trubel ums CI aussterben koenne, was der Darsteller moeglicherweise zum Ausdruck zu bringen versucht. Ich vermute, das ist was die Jury erkannt hat. Das bedeutet nicht, dass ich ihre Enscheidung gutheisse. Ich moechte selbst die Darbietung sehen, um zu beurteilen, ob der Darsteller eine Allegorie zu bieten versucht oder nur das CI niedermacht.

    Audismus gibt es immer! Nur wir erkennen es im jetzigen Zeitalter und versuchen mit diesem Begriff aufmerksam zu machen auf die gesellschaftlichen Probleme tauber und schwerhoeriger Personen in der hoerenden Gesellschaft. Damit wird zugleich gesagt, dass in einer (jeder?) Gesellschaft verschiedene systematische diskriminatorische Formen gibt, welche die Mehrheit oder die Gruppe mit Macht das Leben einer bestimmten Menschengruppe oder deren Mitwirkung in der Gesellschaft schwermacht. Audismus wird hiermit soziologisch auf die gleiche Ebene wie Rassismus, Sexismus, Antisemitismus usw. gestellt. In diesem Sinn sehe ich die 7. Regel fuer die Beteiligung des Festivals „nicht audistisch und rassistisch“, was nicht als anstoessig anzusehen ist.

    Hartmut

     
  3. Hartmut

    5. Februar 2011 at 08:37

    Halo Silent Writer,
    deine Antwort an Simone habe ich nach dem Abesenden meines Beitrags gelesen. Jetzt sehe ich, dass du den Gedankengang ums Audismus begriffen hast.

    Ich verstehe das Problem, wie ein soziologischer Tatsache-Begriff „Audismus“ in der allgemeinen Bevoelkerung wirken koenne.

    Hier in unseren Kreisen koennen wir ruhig darueber sprechen. Aber nach aussen, denke ich, dass Audismus als der Name der indisputablen, gesellschaftlichen Gegebenheit angenommen werden kann, wie Rassismus heutzutage ist. Man versucht, das grossmuetig zu erkennen, und denkt darueber nach (wie in einem Sensibilisierungstraining). Der wird dann entscheiden muessen, ob er fuer Humanitaet oder seine eigene Gruppeninteresse entscheidet. Wenn er fuer das letztere entscheidet, wird als rassistisch, audistisch, sexistisch usw. gebrandmarkt. Das erfordert schon einen manchmal langwierigen Prozess an sich selbst, um dann der Humanitaet gerecht zu werden. Ich sehe keine andere Moeglichkeit, als sich zuerst der Problematik des Audismus bewusst zu werden und dann sich davon allmaehlich zu befreien.

     
    • He write silent

      10. Februar 2011 at 20:33

      Hallo Hartmut!

      Danke für deine Nachrichten. Ich weiss schon längst, was Audismus bedeutet. Aber hast du schon mal mein Blog-Bericht über „Ein beispielhafter Fall von Audismus – INNERhalb der GL-Community!“ gelesen? Es war schon zu beobachten, wie die Gehörlosenbewegung (egal in welcher Hörstatus) ensteht/-en, ob ihr euch „aufgenommen“, „akzeptiert“ oder eben eher „fremd“ und „abgewiesen“ fühlt.

       
      • Hartmut

        13. Februar 2011 at 05:16

        Da nennst du meine Zuschriften „Nachrichten“!

        Ich habe den Blog „Ein beispielhafter Fall von Audismus – INNERhalb der GL-Community!“ noch nicht gelesen. Hast du ihn geschrieben? Wo ist er zu lesen? Meinst du zu sagen, dass das besagte Nichtakzeptieren (wegen was?) systematisch oder allgemein betrieben wird?

        Hartmut

         

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